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Eine neue Website bietet Informationen für Nachkommen von Häftlingen des KZ Sachsenhausen

Die Gedenkstätte Sachsenhausen hat ein neues Online-Informationsangebot für Nachfahren und Angehörige ehemaliger Häftlinge des KZ Sachsenhausen entwickelt. Die Website ist auf Deutsch und Englisch verfügbar und kann ab heute unter https://descendants.sachsenhausen-sbg.de/de/ besucht werden. Angehörige können hier u.a. Hinweise finden, welche Recherchemöglichkeiten es gibt, wie ihr Besuch in der Gedenkstätte unterstützt wird und wo sie sich mit anderen Nachkommen vernetzen können. Außerdem berichten Angehörige der 2. und 3. Generation in Videointerviews und Podcasts über ihre Auseinandersetzung mit ihren im KZ Sachsenhausen inhaftierten Großvätern und Urgroßvätern.

Arne Pannen, Leiter der Bildungsabteilung der Gedenkstätte Sachsenhausen, sagte anlässlich der Freischaltung der neuen Website: „Bei vielen Nachfahren von ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Sachsenhausen ist die Geschichte der Verfolgung ihrer Angehörigen auch mehr als 80 Jahre nach dem Kriegsende präsent. Die oft fortgesetzte Stigmatisierung und Nichtanerkennung nach 1945 hat bei vielen Überlebenden und ihren Familien tiefe Spuren hinterlassen. Alljährlich besuchen mehrere hundert Nachkommen der zweiten, dritten und vierten Generation aus aller Welt den historischen Ort. Sie wollen mehr über das Verfolgungsschicksal ihres Angehörigen erfahren und suchen Antworten auf die Frage, was dies für ihr eigenes Leben bedeutet. Mit der Website wollen wir ihnen eine erste Anlaufstelle bieten und sie einladen, mit der Gedenkstätte Kontakt aufzunehmen.“

Das Webangebot ist mit einer Gruppe von Angehörigen entwickelt worden, mit denen die Gedenkstätte in den letzten zwei Jahren im Rahmen des Projekts „Welche Stimme haben wir?“ zusammengearbeitet hat. Ziel des Projekts war es, die Perspektiven von Nachkommen auf den historischen Ort zu stärken und langfristig sichtbarer zu machen. Derzeit wird ein weiteres Ergebnis des Projekts in der Gedenkstätte Sachsenhausen präsentiert: Die Ausstellung „Verflochtene Geschichten. Nachkommen erzählen“ thematisiert den Umgang mit der Verfolgungsgeschichte in den Familien der Angehörigen.

Das Projekt „Welche Stimme haben wir?“ wurde durch die Bildungsagenda NS-Unrecht vom Bundesfinanzministerium (BMF) und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ) gefördert

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Kinder des Widerstands (Hgg.)

Rezension von Enrico Heitzer
aus: Sehepunkte – Rezensionsjournal für die Geschichtswissenschaften

Mit dem Doppelband „Martha und Harry Naujoks. Zwei Leben für die
Befreiung“, herausgegeben von Kindern und Enkeln von Hamburgern im
Widerstand und erschienen in der „Galerie der abseitigen Künste“, liegt nicht
nur der lange vergriffene Erinnerungsbericht des einstigen Lagerältesten im
KZ Sachsenhausen, Harry Naujoks, in einer neu edierten Fassung vor. Die
Herausgeber und Autoren machen darüber hinaus die bislang kaum
bekannte Lebensgeschichte seiner Frau Martha Naujoks zugänglich – und
eröffnen so eine zweifache Perspektive auf politisches Engagement,
Verfolgung, Widerstand und Exil in der (deutschen) Geschichte des 20.
Jahrhunderts.
Das Projekt verdient unbedingt Aufmerksamkeit: Die Lebensläufe von Martha
und Harry Naujoks stehen exemplarisch für jene Generation politisch aktiver
Arbeiter, die zunächst die politischen Kämpfe der Weimarer Republik
führten, unter dem nationalsozialistischen Regime verfolgt wurden oder sich
im Exil wie nach 1945 erneut um gesellschaftliche und politische
Veränderungen oder demokratische Mitgestaltung bemühten. Dass dabei
nicht nur ein Klassiker der antifaschistischen Erinnerungsliteratur eine neue,
kritisch kontextualisierte Ausgabe erfährt, sondern zugleich ein neues
biografisches Kapitel erschlossen wird, macht den großformatigen
Doppelband zu einer bedeutenden Edition.
Die Vielzahl der beteiligten Stimmen spiegelt sich auch in der Struktur der
beiden Bände wider, die mit ihrer Fülle an Vorworten, Interviews und
Einzelbeiträgen zunächst herausfordernd wirkt. So enthalten sie jeweils drei
einleitende Vorworte – unter anderem von den Herausgebern, von Rainer
Naujoks sowie von der Gruppe „Kinder des Widerstands“. Es folgen
umfassende biografische Kapitel zu Martha und Harry Naujoks, ergänzt durch
thematische Beiträge zu verschiedenen Aspekten von Nationalsozialismus,
Widerstand und Erinnerung. Ein wiederkehrendes Thema ist auch der
langwierige Kampf von Kommunisten in der Bundesrepublik um die
Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus. Die Spannweite reicht dabei
von wissenschaftlichen Essays und politischen Reflexionen bis hin zu
dokumentarischem Material und Interviews. Zu Wort kommen unter
anderem Jürgen Kocka, Ulrich Herbert, Volkhard Knigge, Max Czollek oder
Juliane Brauer – eine interessante Mischung aus Zeitzeugenschaft, Forschung
und erinnerungspolitischer Intervention. Die Beiträge sind nicht nach einem
strengen akademischen Raster, sondern eher in essayistischer Offenheit
montiert, was die Lektüre fordernd, aber auch anregend macht.


Der zweite Band – das „Lesebuch 2“ – enthält Harry Naujoks‘ Autobiografie
„Mein Leben im KZ Sachsenhausen“, die 1987 im Röderberg-Verlag der
Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und 1989 in der DDR im Dietz-
Verlag erschien und seit langem nur noch antiquarisch zu haben ist. Der Text,
dessen kollektive Entstehung in dieser Ausgabe deutlich wird, gehört zu den
eindrücklichsten Selbstzeugnissen über das Konzentrationslager
Sachsenhausen, in dem Naujoks, Kommunist und Widerstandskämpfer, von
1936 bis 1942 inhaftiert war. Als Lagerältester versuchte er, unter extremen
Bedingungen ein Mindestmaß an Solidarität und Selbstbehauptung zu
ermöglichen.
Die Neuausgabe geht über eine bloße Reproduktion des ursprünglichen
Textes hinaus: Sie wurde behutsam editiert, durch Henning Fischer und
Hermann Kaienburg mit Kommentaren versehen und durch kenntnisreiche
Einleitungen ergänzt. So wird nicht nur der Entstehungskontext des
Erinnerungstextes erhellt – einschließlich der Rolle von Erinnerungsnarrativen
in der DDR -, sondern auch kritisch reflektiert, welche Deutungsperspektiven
und Auslassungen der Text aufweist. Insbesondere die wissenschaftliche
Kontextualisierung trägt dazu bei, Naujoks‘ Bericht als ebenso wertvolles wie
komplexes historisches Dokument zu lesen.
Mindestens genauso bedeutsam ist ein fast 200-seitige Rekonstruktion der
vergessenen Lebensgeschichte von Martha Naujoks, die den zentralen
Beitrag des ersten Bandes darstellt. Sie war über Jahrzehnte hinweg nicht nur
Lebenspartnerin, sondern auch politische Weggefährtin von Harry Naujoks –
und eine eigenständige Akteurin der Arbeiterbewegung. Ihre Biografie
wurde bislang kaum beachtet. Dabei war sie es, die nach der Inhaftierung
ihres Mannes unter großen persönlichen Risiken für seine Versorgung und
politische Rehabilitation kämpfte, im Exil zentrale Kontakte knüpfte und
nach 1945 publizistisch wie organisatorisch tätig blieb.
Henning Fischer rekonstruiert diese Biografie auf Basis umfangreicher
Archivrecherchen, Interviews und privater Quellen; es konnte u. a. ihre
Komintern-Kaderakte ausgewertet werden. Martha war mit Harry Naujoks
von 1923 an in der KPD Hamburg aktiv. Sie ging 1935 nach Moskau ins Exil,
wurde inmitten des Großen Terrors aus der Partei ausgeschlossen, erkämpfte
die Wiederaufnahme, besuchte die Parteischule und kehrte im Juni 1945 nach
Deutschland zurück. Es gelingt Fischer, Martha Naujoks nicht nur als
Begleiterin ihres Mannes zu porträtieren, sondern als Frau, deren politische
Haltung, Fürsorge und Entschlossenheit wesentlich zur Entstehung und
Nachwirkung des Buches von Harry Naujoks beigetragen haben. Ihre
Geschichte ergänzt nicht nur das Bild einer antifaschistischen Biografie,
sondern hinterfragt auch gängige Erzählmuster männlich dominierter
Erinnerungskultur.
Der Doppelband besticht nicht nur durch seinen Inhalt, sondern auch durch
seine Ausstattung. Layout, Bildmaterial und Druckqualität lassen erkennen,
mit welcher Sorgfalt die Herausgeber gearbeitet haben. Auch wenn mitunter
mancher Abdruck einer Quelle etwas redundant erscheinen mag,
untermauern diese Quellen doch den Gesamteindruck, dass hier gegen den
Zeitgeist ein schwergewichtiges Werk – von dem bislang kein E-Book
existiert und das man wegen Größe und Gewicht kaum im Zug oder am
Strand lesen kann – vorgelegt wurde, die das Buch auch haptisch und optisch
zu einem eindrucksvollen Zeugnis gelebter Erinnerungskultur macht.
Besonders hervorzuheben ist die Gestaltung der beiden Bände, die nicht nur
ansprechend, sondern auch konzeptionell durchdacht ist: Zwei Leben – zwei
Perspektiven – in einem Buch vereint. Immer wieder greift die Gestaltung auf
das eindringliche Gemälde von Felix Nussbaum aus den Jahren 1943/44
zurück, das posthum den Titel „Die Verdammten“ erhielt und den Maler mit
seiner Frau Felka Platek zeigt. Dieses Bild ist auf dem Schuber zu finden und
zieht sich als visuelle Klammer durch beide Bände. Es verleiht dem Projekt
zusätzliche emotionale Tiefe und historische Resonanz. Es verweist auf das
existenzielle Moment von Verfolgung, Flucht und Vernichtung und spiegelt
zugleich die Grundhaltung des gesamten Projekts wider: Erinnern heißt nicht
nur bewahren, sondern sichtbar machen, was andernorts zu verschwinden
droht. Damit liegt ein Werk vor, das weit über den engeren Kreis
geschichtswissenschaftlich Interessierter hinaus Bedeutung besitzt. Es bietet
eine doppelte Perspektive auf Verfolgung und Widerstand im
Nationalsozialismus, unterschlägt den fatalen Einfluss des Stalin-Regimes auf
die Arbeiterbewegung nicht, dokumentiert ein eindrückliches Beispiel
weiblicher Erinnerungsgeschichte und leistet einen wichtigen Beitrag zur
Erforschung von Widerstand, Exil und politischen Biografien im 20.
Jahrhundert.
Enrico Heitz

Liebe Freundinnen und Freunde, 

die zahlreichen Gedenkveranstaltungen zum 81. Jahrestag der Befreiung der Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen liegen nun hinter uns. Es war schön, dass viele unserer Mitglieder und Freunde an den vielfältigen Veranstaltungen dabei waren.

Am 18.04.2026 fand das Gedenken an den Todesmarsch im Belower Wald statt. Es begrüßten die Teilnehmer Friederike Gehrmann, Leiterin der Gedenkstätte, Prof. Dr. Axel Drecoll, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und Dr. Philipp Wacker, Bürgermeister Stadt Wittstock/Dosse.

Unter der Anwesenheit zweier Überlebender des KZ Sachsenhausens, Bogdan Bartnikowsi und Mykola Urban hielten Gordon Hoffmann., Vertreter:in des Brandenburgischen Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport, Mireille Cadiou, Präsidentin der Amicale française, Dik de Boef, Präsident des Internationalen Sachsenhausen Komitees die Ansprachen.

Die Redner erinnerten an die Greueltaten der NS-Diktatur und ihrer Handlanger im Belower Wald und in den letzten Kriegstagen. Berichte von Überlebenden wurden zitiert und forderten uns auf, wachsam zu bleiben und sich für ein „Nie wieder!“ und Demokratie und Freiheit einzusetzen.

Am 19.04.2026 fand die zentrale Gedenkveranstaltung statt. Leider hatten wir den „Wettergott“ in diesem Jahr nicht auf unserer Seite und so musste die Veranstaltung im Neuen Museum stattfinden. Lediglich das dezentrale Gedenken und die zentrale Kranzniederlegung fanden an den dafür vorgesehenen Gedenkorten statt.

Der Überlebende Bogdan Bartnikowski, der als Kind im KZ Sachsenhausen in Oranienburg war sagte: „Möge dieser Ort nicht nur ein Denkmal der Vergangenheit sein. Möge er eine Warnung bleiben, denn all das begann mit Worten, mit Hass, mit Verachtung, mit der Verweigerung der Würde gegenüber einem anderen Menschen.“

Der Brandenburger Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sagte: „Jeder Einsatz für das Erinnern an die Schrecken der Vergangenheit und für Frieden und Völkerverständigung ist ungeheuer wichtig.“ Er wünsche sich an diesem Gedenktag nichts mehr, als dass dieser Einsatz Früchte trage. „Damit wir gemeinsam dafür sorgen können, dass sich Geschichte nicht wiederholt und damit wir erkennen, dass uns alle als Menschen viel mehr verbindet als uns trennt“.

Im Rahmen des dezentralen Gedenkens hat das Deutsche Sachsenhausen Komitee Blumen am Denkmal für die 27, an der Gedenktafel für die deutschen politischen Häftlinge, an den Gedenktafeln für die ukrainischen und belarussischen Häftlinge sowie am Obelisken niederlegt. An unserem Denkmal für die 27. „Klang der Erinnerung“ haben wir im Beisein ihrer Töchter auch ein Gebinde in Erinnerung an Christa Brade niedergelegt. Christa Brade war Gründungsmitglied unseres Vereins und war lange Jahre als unsere Schatzmeisterin tätig. Sie verstarb im Februar 2026.

Andreas Meyer Vorsitzender des DSK und des ISK